Ausstellung „The War“ abgesagt

Nach Differenzen zwischen Pfarrei und Künstler hat Cyrus Overbeck die in St. Joseph geplante Ausstellung „The War“ abgesagt, hofft aber dennoch auf einen Dialog mit der Kirche. In zwei ausführlichen Artikeln erläutert die WAZ die Hintergründe.


Eklat um Schau zum 75. Jahrestag der Bomben auf Duisburg

Cyrus Overbeck vor seinem knallbunten Stauffenberg-Bild. Rechts ist Erich Maria Remarque zu sehen, der als Soldat im Duisburger Lazarett war. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)
Cyrus Overbeck vor seinem knallbunten Stauffenberg-Bild. Rechts ist Erich Maria Remarque zu sehen, der als Soldat im Duisburger Lazarett war. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)

Zeitzeugenbörse zeigt Fotos zur Operation Hurricane auf Duisburg. Warum Künstler Cyrus Overbeck seine Teilnahme an der Ausstellung nun absagte.

Von Fabienne Piepiora


In dem Atelierhaus von Cyrus Overbeck riecht es noch nach frischem Putzmittel. Der bildende Künstler und einige Freunde haben die alte Brotfabrik in Beeck kurzerhand auf Vordermann gebracht, damit am Samstagabend seine Ausstellung „The War“ mit dem Untertitel „Das Album der Erinnerung“ gezeigt werden kann. Ursprünglich sollten die Arbeiten Teil einer Ausstellung in der Kirche St. Joseph am Dellplatz sein, die ebenfalls am Samstagabend eröffnet werden sollte. Die Zeitzeugenbörse sollte Fotos zum 75. Jahrestag der Bombardierung Duisburgs zeigen, Cyrus Overbeck Werke, die extra zu diesem Anlass erarbeitete. Doch im Vorfeld kam es zu einem Eklat zwischen den Initiatoren der katholischen Kirche und dem Künstler. Overbeck spricht von „Zensur“ und wirft Mit-Organisatorin Sabine Josten Antisemitismus vor. Im Zentrum des Streits steht eine Debatte darum, wie Erinnerungskultur gestaltet werden soll.


Als 14-Jähriger zum Glauben gekommen

Der 49-Jährige ist studierter Theologe. Der Sohn eines persischen Vaters und einer deutschen Mutter war 14 Jahre alt, als er in die Beecker St. Laurentiuskirche spazierte, um den Raum auf sich wirken zu lassen. „Damals gab’s noch Pater Adalbert und Schwester Dorothilde, die mich in die Geheimnisse des Rosenkranzbetens einweihte.“ Seine Eltern hatten mit Kirche „nichts am Hut“. Der jugendliche Overbeck radelte indes am Wochenende nach Kevelaer, um sich seine ersten Ikonen zu kaufen. Der Mann, der heute die klösterliche Atmosphäre seiner Brotfabrik schätzt und sich zum Arbeiten gerne zurück zieht, konnte mit der zölibatären Ausrichtung der katholischen Kirche allerdings nichts anfangen. Als 18-Jähriger ließ er sich in der evangelischen Kirche taufen. Später studierte er Theologie. „In Duisburg gab es so wenige Studenten, dass Protestanten und Katholiken gemeinsam Seminare besuchen konnten“, erinnert er sich. Später wurde er immer wieder auch von Kirchen eingeladen, um dort auszustellen. Deshalb sagte er zu, als Sabine Josten ihn bei einem Besuch in seiner Ausstellung in der Cubus Kunsthalle ansprach und ihm von der geplanten Schau in St. Joseph berichtete.

Harald Molder und die anderen Ehrenamtlichen der Zeitzeugenbörse haben die Foto-Ausstellung vorbereitet. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)
Harald Molder und die anderen Ehrenamtlichen der Zeitzeugenbörse haben die Foto-Ausstellung vorbereitet. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)

„Das darf sich nie wiederholen“, lautet die Kernaussage von Harald Molder, Vorsitzender der Zeitzeugenbörse, der zusammen mit den anderen Ehrenamtlichen dutzende Fotos herausgesucht hat, die die Bombenangriffe am 14. und 15. Oktober 1944 dokumentieren. „Hurricane“ hieß die Operation und Molder verweist auf die Bibelstelle Hosea 8,7: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“ Cyrus Overbeck arbeitet hingegen mit einem anderen Ziel: „Ich möchte weg von diesen emotionalen Aussagen hin zu einer sachlichen Debatte mit der Frage: Wo stehen wir als Gesellschaft und wo wollen wir hin?“ Und so will er die Duisburger nicht nur in einer Opferrolle sehen, sondern auch an den Beginn, die Wahl 1933, erinnern und an das Konzentrationslager in Meiderich. Zudem fragt er nach der Aufarbeitung nach dem Krieg. Er stellt das Porträt Willy Brandts in den Zusammenhang mit Hermann Göring und Adolf Hitler, weil sich erst Brandt durch seinen Kniefall der Vergangenheit gestellt habe. „Das war am 7. Dezember 1970, 25 Jahre später.“ Auf drei weiteren Bildern sind Erich Maria Remarque als Holzschnitt, ein bunter Hitler-Attentäter Stauffenberg und Felix Nussbaum auf Afd-Wahlplakaten zu sehen. Nicht nur, dass Overbeck mit dem Helden aus Remarques Buch „Im Westen nichts Neues“ mitfieberte - Remarque wurde auch als Soldat im Duisburger Lazarett im St. Vincenz Hospital, direkt gegenüber der Kirche St. Joseph, versorgt.

Willy Brandt hängt zwischen Hermann Göring und Adolf Hitler. „Hitler kommt nicht in die Kirche“ hieß es hingegen von Seiten St. Josephs. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)
Willy Brandt hängt zwischen Hermann Göring und Adolf Hitler. „Hitler kommt nicht in die Kirche“ hieß es hingegen von Seiten St. Josephs. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)

Mit Hitler begann der Streit

Als Sabine Josten und die katholische Kirche das Hitler-Bild sahen, begannen die „inhaltlichen Differenzen“ wegen derer sich Cyrus Overbeck zurückzog. In einem Chat-Verlauf, der unserer Redaktion vorliegt, heißt es: „Ist das Hitler? Hitler-Bilder kommen mir nicht in die Kirche.“ Overbeck nennt das „Zensur“, er habe sich nicht mehr frei entfalten können. Der Pfarrer hingegen habe Sorgen gehabt, dass sich Gottesdienstbesucher an den Bildern stören könnten. „Es geht um den Bombenangriff in Duisburg und das wir so etwas nicht mehr haben möchten. Ich will das nicht weiter verdichten. Dafür könnte man dann eher eine weitere Ausstellung machen“, heißt es weiter in der schriftlichen Auseinandersetzung. Overbeck zog sich zurück und sieht sich in seinem Ziel bestätigt. Er freut sich, dass „The war“ eine Debatte auslöst.

Die Foto-Schau der Zeitzeugenbörse ist im letzten Moment übrigens verschoben worden. „Es ist ein komischer Zufall, aber das hat technische Gründe. Die Stellwände, an denen wir die Fotos aufhängen wollten, sind wackelig und könnten umfallen“, sagt Harald Molder. Die Bilder werden nun ab dem 14. Oktober, dem Tag des Bombardements, gezeigt.

(aus: waz.de, 04.10.19)


Nach Differenzen: Duisburger Künstler wünscht sich Dialog

Cyrus Overbeck zeigt die Ausstellung nun in der Alten Brotfabrik in Beeck. (WAZ-Foto: Ingo Plaschke / IP)
Cyrus Overbeck zeigt die Ausstellung nun in der Alten Brotfabrik in Beeck. (WAZ-Foto: Ingo Plaschke / IP)

„The war“ ist nach inhaltlichen Auseinandersetzungen zwischen Cyrus Overbeck und der Kirche eröffnet. Warum er dennoch keinen Zorn spürt.

Von Fabienne Piepiora


„The war“ heißt die Ausstellung des Duisburger Künstlers Cyrus Overbeck, die er anlässlich des Bombardements auf Duisburg, das sich am 14. und 15. Oktober zum 75. Mal jährt, geschaffen hat. Ursprünglich sollten seine Werke gemeinsam mit Fotos der Zeitzeugenbörse in der Kirche St. Joseph ausgestellt werden. Nachdem es allerdings zu „inhaltlichen Differenzen“ zwischen der Kirche und dem Künstler gekommen ist, eröffnete er seine Schau nun im eigenen Atelier in der Alten Brotfabrik. Bei Wein, Bratwurst und Musik, wurden die (lokalen) Ereignisse aus dem Jahr 1944 historisch eingeordnet. Unter den Besuchern waren zahlreiche Weggefährten, die Cyrus Overbeck teils schon seit Jahrzehnten kennen.

Das Bild „The War“ zeigt, wie ehemalige Nazis nach dem Krieg vor dem Stadttheater ehemalige russische Zwangsarbeiter beerdigen mussten. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)
Das Bild „The War“ zeigt, wie ehemalige Nazis nach dem Krieg vor dem Stadttheater ehemalige russische Zwangsarbeiter beerdigen mussten. (WAZ-Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services)

Regionalhistoriker Thorsten Fischer ordnet Duisburger Ereignisse ein

„Ich kenne keinen Künstler in Deutschland, der sich in dieser Weise mit der Geschichte des Dritten Reiches auseinandersetzt. Wer, wenn nicht die Kunst, muss in diesen Zeiten Fragen aufwerfen. Alles andere ist nur Deko an der Wand“, erklärt Dr. Claudia Schaefer, Leiterin der Cubus Kunsthalle, in der Overbeck bereits ausgestellt hat. Der 49-Jährige möchte die Duisburger nicht nur in der Opferrolle sehen, sondern macht beispielsweise auch auf das Schicksal der Zwangsarbeiter aufmerksam.

Im Titelbild zur Ausstellung zeigt er beispielsweise das Stadttheater. Im Vordergrund des Holzschnittes ist zu sehen, wie nach dem Krieg alte NS-Funktionäre ehemalige russische Zwangsarbeiter beerdigen mussten. Regional-Historiker Thorsten Fischer von der Uni Duisburg-Essen erklärt die künstlerisch bearbeitete Szene wie folgt: „Der Duisburger Polizeipräsident hatte angeordnet inhaftierte Zwangsarbeiter erschießen zu lassen. Die Alliierten haben im Rahmen ihres Re-Education-Programms überlegt, dass die ehemaligen Nazis die Zwangsarbeiter in der Innenstadt vor dem Stadttheater beerdigen sollten.“ Im November 1946 wurden die Gräber allerdings geschändet und 1947 wurde eine neue Gedenkstätte auf dem Fiskus-Friedhof geschaffen.


Cyrus Overbeck offen für Gespräche

Auf einem anderen Bild wächst eine Palme in der Innenstadt. Im Hintergrund wird eine Fahne gehisst. Wer genau hinschaut, erkennt, dass es die Friedensflagge auf dem Duisburger Hof ist. „Die Alliierten haben auch ein Stück Kultur mitgebracht. Darauf spielt die Palme an“, erläutert Overbeck. Den Schriftzug „Deutsche“ hat er sich übrigens von Otto Pankok geliehen, über den er als 25-Jähriger eine Biografie verfasste. Das Wort „Deutsche“ ist in zahlreiche Werke eingearbeitet und auch über Fotos zu sehen.

Ursprünglich hatte Overbeck angedacht, Bilder der Zeitzeugenbörse zu bearbeiten und „zu transformieren“, wie er sagt. „So hätte es eine inhaltliche Verbindung zwischen beiden Ausstellungen gegeben.“ Allerdings war es zwischen den Beteiligten zu „inhaltlichen Differenzen“ gekommen. Sabine Josten, die die Ausstellung für die katholische Kirche kuratierte, sagte auf Nachfrage unserer Zeitung: „Herr Overbeck wich mit seinen täglich geänderten Ideen zur Ausstattung immer mehr vom Thema ab. Er hat letztlich selbst entschieden seine Ausstellung in seinem Atelier zu zeigen und hat uns abgesagt.“ Bei der Vernissage am Samstagabend erklärte Cyrus Overbeck nun: „Es gibt kein Zerwürfnis. Da ist kein Zorn. Es gibt nur keinen Dialog.“ Er sei offen für Gespräche mit der Kirche, aus der sich vielleicht sogar eine Zusammenarbeit entwickeln könnte.

Info: Pfarrer signalisiert Bereitschaft zum Gespräch

Am Rande der Nacht der offenen Gotteshäuser am Wochenende erklärte Pfarrer Christian Schulte, der für die Pfarrei Liebfrauen und damit auch für die Gemeinde St. Joseph zuständig ist, ebenfalls seine Bereitschaft: „Ich denke, es sollte Gespräche geben.“

Im Detail sei er in die Vorbereitungen für die Ausstellung nicht einbezogen gewesen. „Ich bin als Pfarrer für 30.000 Katholiken und sechs Gemeinden zuständig. Bei uns ist der Grad der delegierten Aufgaben groß.“ Als er allerdings davon gehört habe, dass in einem der Kunstwerke Hitler zu sehen sei, habe er dies abgelehnt, „damit die älteren Besucher beim Gebet nicht den Diktator sehen müssen.“

Die Ausstellung der Zeitzeugenbörse in der Kirche St. Joseph wird am 14. Oktober, 20 Uhr, eröffnet.

(aus: waz.de, 05.10.19)