Duisburger Kirchen im Wandel

Wo Kirchen nicht mehr gebraucht und geschlossen werden, muss eine neue Nutzung gefunden werden. Die WAZ stellt einige Beispiele vor, auch aus unserer Pfarrei.


Duisburger Kirche im Wandel: Kultur ja, Disko nein

Von Fabienne Piepiora

Weil es weniger Gläubige gibt, müssen Kirchen geschlossen werden. Protestanten und Katholiken sind kreativ, wenn es um eine neue Nutzung geht.

Weihnachten, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, sind die Gotteshäuser voll. Doch das kann nicht über den Rückgang der Mitgliederzahlen hinwegtäuschen. Katholische und evangelische Kirche verlieren kontinuierlich Gläubige. Aktuell zählen die Protestanten in Duisburg 110 909 Mitglieder, bei den Katholiken waren es im vergangenen Jahr 139 299. Zum Vergleich: Vor sieben Jahren waren es bei den Evangelen noch 16 000 Menschen mehr, bei den Katholiken rund 11 000. Die Entwicklung setzt die Kirchen unter Druck, Strukturen werden reformiert. In den meisten Fällen heißt das: Gemeinden werden größer, Gotteshäuser geschlossen.

Grafik: WAZ

13 katholische Kirchen wurden seit 2006 in Duisburg entweiht, profaniert nennen das Fachleute. Christian Breuer vom Bistum Münster beschreibt den Vorgang: „Die Reliquien werden aus dem Altar entnommen und alle liturgischen Gegenstände müssen aus dem Gebäude entfernt werden. Dazu zählen zum Beispiel Altar, Tabernakel und Taufstein. Sie werden an einem würdigen Ort aufbewahrt oder finden in einer anderen Kirche liturgische Verwendung.“

Statuten regeln weitere Verwendung

Bei den zurückgelassenen Gemeindemitgliedern im Stadtteil, lösen solche Prozesse dennoch oft Wut und Trauer aus. „Viele haben hier geheiratet oder wurden getauft. Aber das spielte dann kaum noch eine Rolle“, erinnert sich Wolfgang Stahl, Vorsitzender der Werthacker-Siedler, die gemeinsam die St. Martinus-Kapelle gekauft und gerettet haben.

In Fahrn sind die Menschen den Pfadfindern regelrecht dankbar, weil sie wieder Leben nach St. Georg gebracht haben. Die jungen Erwachsenen wollen aus dem denkmalgeschützten Gebäude einen Treffpunkt für Jugendliche machen. Da die Kirche nicht entweiht wurde, wären hier künftig auch wieder Gottesdienste oder Taufen möglich.

Interessenten und Ideen gibt’s genug.

Ideen und Interessenten gibt’s für Kirchen genug. Rolf Schotsch, Sprecher des Kirchenkreises Duisburg, erinnert sich: „Für die Kirche in Bissingheim interessierten sich die Musikschule Wedau oder auch Privatpersonen. Der eine wollte ein Segelschiff davor stellen, ein anderer die Kirche als Flughalle für Modellflugzeuge nutzen. In das heutige Kolumbarium an der Wintgensstraße wollte außerdem mal eine Zahnarztpraxis einziehen.“ Dabei hat die Ev. Kirche im Rheinland Statuten erlassen, die bei einer Neunutzung zu beachten sind. Darin heißt es etwa, dass „die historische Bedeutung des Gebäudes sowie die Identifikation der Bevölkerung mit dem Gebäude besonders zu berücksichtigen sind.“

Die der kath. Kirche formuliert es so: „Es gibt bestimmte Nutzungen, die sich für profanierte Kirchen anbieten, etwa Begegnungsräume oder eine kulturelle Verwendung. Diskotheken, Moscheen oder Einkaufszentren verbieten sich.“

(aus: waz.de, 18.12.17)

 

Es folgt eine Vorstellung von 10 ehemaligen Duisburger Kirchen. Wir geben hier die wieder, die zu unserer Pfarrei gehören.


St. Peter an der Brückenstraße: Obdach für Leib und Seele

Von Fabienne Piepiora

Im Sozialzentrum St. Peter in Hochfeld gibt’s konkrete Hilfe – vom Sprachkurs bis zur Kleiderkammer

Das Sozialzentrum St. Peter ist ein Ort der Begegnung für die Einwohner in Hochfeld und weit darüber hinaus. „Es gibt Leute, die aus Walsum kommen, weil sie hier eine Heimat gefunden haben“, sagt Schwester Martina Paul. Die Ordensfrau gehört zu den Missionsschwestern vom Heiligen Herzen Jesu und ist die gute Seele des Sozialzentrums.

St. Peter wurde entkernt und Räume im Raum wurden geschaffen

Gebaut wurde die Kirche Ende der 1960er Jahre, als die katholische Gemeinde in Hochfeld wuchs. Der Architekt Manfred Ludes griff in dem Bau Bibelstellen auf, nämlich die des Zelt Gottes, unter dem sich die Menschen versammeln und der Stadt auf dem Berg. „Als Christen stehen wir in der Verantwortung“, sagt es Schwester Martina mit ihren Worten. Bevor die Kirche geschlossen wurde, arbeiteten die Gemeinden in Hochfeld bereits zusammen. Als aus St. Peter eine weitere Kirche wurde, die nicht mehr finanziert werden sollte, fiel der Beschluss, ein Sozialzentrum zu gründen. Dazu wurde das Gotteshaus entkernt und Räume im Raum geschaffen. Bischof Overbeck erklärte 2013 bei der Wiederöffnung mit Blick auf die Architektur: „Das Zelt gibt Obdach für Leib und Seele.“

Das Gotteshaus ist gut frequentiert. Die Tafel teilt im Erdgeschoss Lebensmittel aus, die Beratungsstelle Solwodi hat hier ihren Sitz, ebenso wie eine Kleider- und Schulmaterialkammer. Und in der umgebauten Kirche gibt’s Räume für Sprachkurse, Frauengruppen und andere Treffen. Geblieben ist ein kleiner Raum für Andachten, in dem auch Schulgottesdienste stattfinden.

Neu-Duisburger kommen hier ins Gespräch

Für die meisten sei es kein Problem, in eine Kirche zu kommen, auch wenn sie Muslime sind. Frauen treffen sich hier zum Sprachkurs oder im Erzählcafé. „Für Leute, die neu in Duisburg sind, ist es unheimlich schwierig, mit anderen in Kontakt zu kommen. Hier kommen sie ins Gespräch“, weiß Schwester Martina Paul. Wer das Sozialzentrum betritt, äußert am Empfang seinen Wunsch. Der hat nicht nur die Funktion eines Wegweisers. „Viele werden zum ersten Mal gesehen, wir begegnen ihnen auf Augenhöhe.“

In der Mitte des ehemaligen Kirchenraumes ist eine Küche entstanden. Als einige Zuwanderer das erste Mal Blattsalat als Lebensmittelspende bekommen haben, wussten sie nicht recht, wie sie ihn zubereiten sollten. Also plante das Architekturbüro, das für den Umbau zuständig war, eine Küche mit ein. Hier finden nun Kochkurse statt, in denen die Frauen die typisch deutschen Lebensmittel kennen und kochen lernen.

Mit ihren Angeboten ist die katholische Kirche nah an die Bedürfnisse der Menschen herangerückt. Zeit für Spiritualität bleibt dennoch. Einmal pro Woche - immer mittwochs von 19 bis 20.30 Uhr - bieten die Schwestern Kontemplation an.

Die Architektur von Manfred Ludes soll an Gottes Zelt erinnern, unter dem sich alle versammeln können. (WAZ-Foto: Michael Dahlke)
Die Architektur von Manfred Ludes soll an Gottes Zelt erinnern, unter dem sich alle versammeln können. (WAZ-Foto: Michael Dahlke)
Schwester Martina Paul weiß um die Nöte der Besucher.  (WAZ-Foto: Michael Dahlke)
Schwester Martina Paul weiß um die Nöte der Besucher. (WAZ-Foto: Michael Dahlke)
Im ehemaligen Kirchensaal entstanden neue Räume, in denen Kurse oder etwa Kinderbetreuung angeboten wird. Nur die Akustik ist teilweise schwierig. Es hallt. (WAZ-Foto: Michael Dahlke)
Im ehemaligen Kirchensaal entstanden neue Räume, in denen Kurse oder etwa Kinderbetreuung angeboten wird. Nur die Akustik ist teilweise schwierig. Es hallt. (WAZ-Foto: Michael Dahlke)
Freizeitangebote wie hier im St. Peter sollten in einem Sozialzentrum nicht fehlen. (WAZ-Foto: Michael Dahlke)
Freizeitangebote wie hier im St. Peter sollten in einem Sozialzentrum nicht fehlen. (WAZ-Foto: Michael Dahlke)


St. Clemens in Kaßlerfeld: Abriss für ein Altenheim

Nicht alle Kirchen, die außer Dienst gestellt wurden, sind auch erhalten geblieben. So wurde beispielsweise „St. Clemens“ in Kaßlerfeld abgerissen. Auf dem Gelände steht nun ein Altenheim, betrieben von der Caritas. Viele alte Gemeindemitglieder verdrückten ein paar Tränen, als die Kirche dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Die Kirche St. Clement ist mittlerweile Kaßlerfelder Stadtteilgeschichte. Hier ein Archivbild aus dem Jahr 2008. (WAZ-Foto: Angelika Barth)
Die Kirche St. Clement ist mittlerweile Kaßlerfelder Stadtteilgeschichte. Hier ein Archivbild aus dem Jahr 2008. (WAZ-Foto: Angelika Barth)


Liebfrauen-Kirche in der Innenstadt: Treffpunkt für Kultur

„Liebfrauen“ ist die Kulturkirche in der Duisburger Innenstadt. Das 1961 eingeweihte Gotteshaus wurde von Dr. Toni Hermanns entworfen und im Stil des Brutalismus gebaut. Der Altar, Glasfenster und andere Gegenstände stammen übrigens aus dem „Vatikan“-Pavillon der Weltausstellung 1958. Im Jahr 2007 gründete sich die Stiftung „Brennender Dornbusch“, deren Namen sich auf das Hauptmotiv an der Eingangsfassade bezieht. Seitdem finden hier etwa Ausstellungen und Theateraufführungen statt. Es ist die erste Stiftung im Bistum Essen, die zum Erhalt einer Kirche gegründet wurde.

Die ehemalige Liebfrauenkirche ist eine Begegnungsstätte für Kulturschaffende und -interessierte geworden. (WAZ-Foto: Fabian Strauch)
Die ehemalige Liebfrauenkirche ist eine Begegnungsstätte für Kulturschaffende und -interessierte geworden. (WAZ-Foto: Fabian Strauch)
Die Tanzvorführung AlltagAlleMania des Kulturrucksack Projekts in der Liebfrauenkirche im Juli 2015. (WAZ-Foto: Fabian Strauch)
Die Tanzvorführung AlltagAlleMania des Kulturrucksack Projekts in der Liebfrauenkirche im Juli 2015. (WAZ-Foto: Fabian Strauch)


St. Martinus in der Werthacker-Siedlung: Kneipe gerettet

Von Fabienne Piepiora

Nach einem nervenaufreibenden Kampf um die St. Martinus-Kapelle in Duissern wird dort heute gefeiert und Tischtennis gespielt.

„Das ist unsere Heimat, hier hängt unsere Seele dran.“ Wolfgang Stahl, Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Werthacker, wird ganz pathetisch, wenn er von dem Kampf um die St. Martinus-Kapelle spricht. Allein: Die Kirche ist mit diesen Worten gar nicht gemeint. Viel wichtiger als die Kapelle war den Siedlern die Klause, die sich unter dem Gotteshaus befindet.

Als die Siedler nach dem Zweiten Weltkrieg die Duisserner Siedlung aufbauten, musste jeder ehrenamtlich Arbeitsstunden leisten. In den 1950er Jahren entschied Bischof Hengstbach, dass die katholische Kirche näher an die Menschen rücken sollte und beschloss, dass im Werthacker ein Gotteshaus entstehen soll. „Die Siedler haben der Kirche das Grundstück damals für eine Mark überlassen.“ In den Keller sollte aber als Treffpunkt eine Klause eingebaut werden. „Alles war noch voller Schutt. Wir haben alles abgetragen und aufgebaut.“

Im Jahr 2006 erreichte die Siedler die Kündigung

Als dann die katholische Kirche sich 2006 von einigen Gotteshäusern trennen wollte, bekamen die Siedler die Kündigung. Die Kirche sollte abgerissen und an einen Investor verkauft werden. Doch die Kirchen-Oberen hatten nicht mit den Siedlern gerechnet. „Wir haben uns ein Stiftungsmodell überlegt, aber die wollten das Haus aus den Büchern haben.“ Bei einem zähen Gespräch zwischen Stadtdechant und Siedlern, kam Stahl die Idee, die Kirche zu kaufen. „Ich hatte natürlich kein Geld.“ Er trommelte deshalb ein paar Siedler zusammen. „Jeder hat 5000 Euro Darlehen gegeben.“ Ein Teil des Gotteshauses und der Kindergarten sollten abgerissen werden, um die Grundstücke zu verkaufen.

Der Plan glückte.

Einige nervenaufreibende Monate später hatten es die Siedler tatsächlich geschafft. Mittlerweile finden in der Kirche Feiern statt, einmal die Woche wird Tischtennis gespielt. Unten gibt’s mittwochs Bierchen. Noch ist der Umbau nicht ganz abgeschlossen. Jeder Cent aus Veranstaltungen wird in das Haus gesteckt. Aber: Die Kirche ist bezahlt.

Stahl ist übrigens evangelisch.

Die Siedlergemeinschaft Werthacker hat die St.- Martinus-Kapelle gekauft und zu einem Siedlertreff umgebaut. (WAZ-Foto: Lars Fröhlich)
Die Siedlergemeinschaft Werthacker hat die St.- Martinus-Kapelle gekauft und zu einem Siedlertreff umgebaut. (WAZ-Foto: Lars Fröhlich)
Wolfgang Stahl ist Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Werthacker. (WAZ-Foto: Lars Fröhlich)
Wolfgang Stahl ist Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Werthacker. (WAZ-Foto: Lars Fröhlich)
Klare Ansage der Siedlergemeinschaft. (WAZ-Foto: Lars Fröhlich)
Klare Ansage der Siedlergemeinschaft. (WAZ-Foto: Lars Fröhlich)
Die Siedlerklause ist die wohl einzige Kirche in Duisburg mit Köpi-Schild. (Foto: WAZ)
Die Siedlerklause ist die wohl einzige Kirche in Duisburg mit Köpi-Schild. (Foto: WAZ)


St. Anna in Neudorf: Rumänen laden zum Gottesdienst ein

Im Februar 2007 fand in der St. Anna Kirche, die von Prof. Dr. Schwarz entworfen und gebaut wurde, nach 53 Jahren in Neudorf der letzte Gottesdienst statt. Anfangs gab es Pläne, dass die Universität die Kirche mit nutzen sollte, doch die Pläne zerschlugen sich.

Zwischenzeitlich fanden dann in der Kirche, die nicht profaniert wurde, auch Konzerte statt. Mittlerweile wird das Gotteshaus jeden Sonntag von der rumänischen Gemeinde genutzt. Auch wenn sich viele Katholiken in Neudorf zu St. Ludger oder St. Gabriel orientiert haben, vermissen sie St. Anna noch immer.

So sah die Kirche St. Anna im Jahr 2007 aus. (WAZ-Archivfoto: Jürgen Metzendorf)
So sah die Kirche St. Anna im Jahr 2007 aus. (WAZ-Archivfoto: Jürgen Metzendorf)
St. Anna in Neudorf. (WAZ-Archivfoto: Stephan Eickershoff)
St. Anna in Neudorf. (WAZ-Archivfoto: Stephan Eickershoff)