Kirchbau ohne Sozialdemokraten

Die Kirche St. Bonifatius wurde vor 100 Jahren eingeweiht. In den Pfarrchroniken kann man zum Teil Kurioses über die nur 13-monatige Baugeschichte nachlesen. Ein Bericht der Rheinischen Post.


Kirchbau ohne Sozialdemokraten

Die St. Bonifatiuskirche in Hochfeld: Es ist interessant und macht Spaß, in den Pfarrchroniken über die Baugeschichte des eindrucksvollen Gotteshauses zu lesen, das vor 100 Jahren eingeweiht wurde. (RP-Foto: Ralf Hohl)
Die St. Bonifatiuskirche in Hochfeld: Es ist interessant und macht Spaß, in den Pfarrchroniken über die Baugeschichte des eindrucksvollen Gotteshauses zu lesen, das vor 100 Jahren eingeweiht wurde. (RP-Foto: Ralf Hohl)

Von Peter Klucken

Die Kirche St. Bonifatius wurde vor 100 Jahren eingeweiht. In den Pfarrchroniken kann man zum Teil Kurioses über die nur 13-monatige Baugeschichte nachlesen. Pfarrer Karl Meyer übernahm zeitweise die Stelle des Architekten. Und die frommen Poliere hatten politische Wünsche...

Die Hochfelder Kirche St. Bonifatius gehört zu den prachtvollsten Kirchbauten Duisburg. Das Gebäude erinnert daran, dass es den Menschen in dem Stadtteil, der heute einen, wie es heißt, „besonderen Erneuerungsbedarf“ hat, früher recht gutging. In diesen Tagen konnte man in der St.-Bonifatius-Kirche den 100. Jahrestag der Einweihung feiern. Ein guter Anlass in den Pfarrchroniken zu blättern, wo man Interessantes und zum Teil Kurioses über die Baugeschichte der Kirche lesen kann.

 

Erstaunte Gottesdienstbesucher

10.000 Katholiken zählte vor rund 100 Jahren die Hochfelder Pfarrgemeinde. Die Notkirche, in der seit 1872 die Gottesdienste gefeiert wurden, war längst viel zu klein geworden. Da trat am 22. Januar 1911 Pfarrer Karl Meyer auf die Kanzel und verkündete, wie es in der Chronik heißt, den „erstaunten“ Kirchenbesuchern: „Noch in diesem Jahr fangen wir mit dem Bau der neuen Kirche an.“ Zusammen mit dem Kirchenvorstand hatte der offenbar sehr unternehmungslustige Pfarrer einen Finanzierungsplan entwickelt, der auch Kollekteneinnahmen der Gottesdienstbesucher einkalkulierte. In der Chronik ist nachzulesen, dass es Pfarrer Meyer verstand, den Opfersinn der Gemeindemitglieder zu wecken. Hatten bisher 1.800 Familien bei der Kollekte durchschnittlich je drei Pfennige ins Körbchen geworfen, so waren es nach dem Aufruf des Pastors durchschnittlich zehn Pfennige. Jede Kollekte erbrachte rund 180 Mark. Das war damals ein hoher Betrag.

Für den Kirchbau wurden sechs Angebote von Baufirmen eingeholt. Den Zuschlag bekam schließlich nicht ein Unternehmen aus Duisburg, sondern die Firma Redemann & Schönekäss aus Hannover mit vierfacher Begründung:

  • „1. Diese Firma ist die Mindestfordernde.
  • 2. Diese Firma ist vom Architekten als eine durchaus leistungsfähige und streng reelle Firma empfohlen worden.
  • 3. Diese Firma bietet eine sichere Gewähr für rechtzeitige Fertigstellung des Baues.
  • 4. Diese Firma beschäftigt christlich organisierte Poliere, unter denen christlich organisierte Maurer ihren Schutz finden.“

Und dann findet sich in der Chronik einen Satz, der heutzutage selbst eingeschworene CDU-Mitglieder laut auflachen lässt: „Letztere (gemeint sind Poliere und Maurer) hatten den Pfarrer gebeten zu erwirken, dass sie nicht unter und mit Sozialdemokraten arbeiten müssten.“

 

Baukosten von 208.066 Mark

Am 29. Oktober wurde der Grundstein gelegt. Und rund 13 Monate später wurde die Kirche eingeweiht. Die Firma Redemann & Schönkäss kam mit den veranschlagten Baukosten in Höhe von 208.066, 97 Mark offenbar aus. Die Notkirche wurde für 750 Mark an den Bauunternehmer Josef Becker verkauft. Der wiederum überließ die geputzten Steine dem Kirchenvorstand für 15 Mark das Tausend.

Tragisch war der Tod des erst 36 Jahre alten Architekten Jagielski im Juni 1912. Obwohl der Kirchbau da noch nicht fertig war, wurde kein neuer Architekt engagiert, obwohl sich einige um diesen Posten bewarben. Pfarrer Meyer war aber der Meinung, dass niemand die Pläne des verstorbenen Architekten so gut kenne wie er, weshalb er kurzerhand die Bauleitung übernahm.

Auch von einem Todesfall während des Neubaus wird berichtet. Ein Dachdecker wurde an einem heißen Sommertag ohnmächtig. Als er schwankte, wurde er von Arbeitskollegen aufgefangen und an Stricken vom Dach heruntergelassen. Dann heißt es in der Chronik: „Die Besinnung hat er vor dem Tode nicht wiedererlangt. Wäre er gestürzt, hätte die Witwe Unfallrente bekommen.“

(aus: Rheinische Post, 20.10.12)