Ausstellung erinnert an Duisburger Bombenangriffe

Die Zeitzeugenbörse zeigt noch bis zum 1. November in der Kirche St. Joseph historische Fotos vom zerstörten Duisburg. Ein Bericht der WAZ.


Ausstellung erinnert an Duisburger Bombenangriffe

  Blick zum Dellplatz und auf die zerstörte Kirche. Die Ausstellung kann noch bis zum 1. November besucht werden. (WAZ-Foto: Zeitzeugenbörse Duisburg)
Blick zum Dellplatz und auf die zerstörte Kirche. Die Ausstellung kann noch bis zum 1. November besucht werden. (WAZ-Foto: Zeitzeugenbörse Duisburg)

Zeitzeugenbörse zeigt bis 1. November historische Fotos vom zerstörten Duisburg in der Kirche St. Joseph. Im Vorfeld hatte es Ärger gegeben.


„So etwas darf sich nie wiederholen. Das ist unser Anliegen, warum wir diese Ausstellung organisieren“, erklärt Harald Molder, Vorsitzender der Zeitzeugenbörse. Am 14. und 15. Oktober 1944 warfen mehr als 2000 britische Bomber über Duisburg fast 9000 Tonnen Bomben ab. Es war der bis dahin größte Angriff auf eine deutsche Stadt im Zweiten Weltkrieg. Zum 75. Jahrestag der Operation „Hurricane“ hat die Zeitzeugenbörse historische Fotos zusammengestellt und zeigt sie in der Kirche St. Joseph.

Am 14. und 15. Oktober 1944 warf die Royal Air Force bei drei Angriffen auf Duisburg 9000 Tonnen Bomben ab. 3500 Menschen wurden getötet. Im Bild: die Josephskirche. (WAZ-Foto: Zeitzeugenbörse Duisburg)
Am 14. und 15. Oktober 1944 warf die Royal Air Force bei drei Angriffen auf Duisburg 9000 Tonnen Bomben ab. 3500 Menschen wurden getötet. Im Bild: die Josephskirche. (WAZ-Foto: Zeitzeugenbörse Duisburg)

„Irritationen“ im Vorfeld: Künstler hatte sich zurück gezogen

Im Vorfeld der Schau hatte es „Irritationen“ gegeben, weil eigentlich eine gemeinsame Ausstellung mit dem Künstler Cyrus Overbeck geplant war. Er zog sich allerdings zurück, weil er die Duisburger nicht nur als Opfer dargestellt wissen wollte. Die Zeitzeugenbörse verschob daraufhin ihre Ausstellung um eine Woche. „Es stimmt, dass wir nicht auf die jüdische Geschichte eingehen, weil es zu diesem Zeitpunkt kaum noch jüdisches Leben in Duisburg gab. Das wäre eine separate Ausstellung. Wir wollen die Zerstörung der Stadt zeigen“, erklärt Molder. Aus hunderten Bildern und Dokumenten hat er eine Auswahl getroffen. Das Material stammt zum Teil aus England. Um zu dokumentieren, wer bei den Angriffen ums Leben kam, wurden zudem Karteikarten von Friedhöfen ausgewertet. So erfährt der Besucher nicht nur wie viele Duisburger ums Leben gekommen sind, sondern auch Personen aus den Nachbarstädten sowie Soldaten. Zu sehen sind Logbuch-Einträge, die zerbombte Kirche St. Joseph oder das zerstörte Krankenhaus St. Vincenz in der Nachbarschaft. Erklärungen, was auf den Fotos genau zu sehen ist, müssen allerdings noch nachgereicht werden.

Erschütternd ist ein Gedicht von einer Duisburgerin, die zu den Geschehnissen etwas gereimt hat: „Wo Westfalen sich an’s schöne Rheinland schmiegt, wo der große Trümmerhaufen Duisburg liegt, wo Ruinen ragen über’s Land hinaus, da ist meine Heimat, da bin ich zu Haus. Wo Sirenen heulen wütend zum Alarm, wo die Jäger peitschen in den Feindesschwarm, wo Kanonen dröhnen und die Flak setzt ein, kann nur meine Heimat, kann nur Duisburg sein.“ Harald Molder, aus dessen Familie ebenfalls Personen in Bergen-Belsen ermordet wurden, kann nicht begreifen, wie solche Ereignisse zu Lyrik inspirieren.

 Zeitzeugin Ingrid Menk (85) hat als Zehnjährige 18 Stunden im Bunker ausgeharrt. (WAZ-Foto: amara Ramos / FUNKE Foto Services)
Zeitzeugin Ingrid Menk (85) hat als Zehnjährige 18 Stunden im Bunker ausgeharrt. (WAZ-Foto: amara Ramos / FUNKE Foto Services)

Zeitzeugin Ingrid Menk erinnert sich: Der Duisburger Süden „hatte Glück“

Zeitzeugin Ingrid Menk (85) hat damals 18 Stunden in einem Bunker bei Mannesmann Tor 1 ausgeharrt. „Erst gab es einen Voralarm. Meine Mutter schickte mich mit dem Kinderwagen, in dem meine Schwester lag, schon einmal los. Sie wollte nachkommen, weil sie noch Essen auf dem Herd hatte.“ Doch kurz vor dem Bunker schloss der Wart die Tür. Eine Nachbarin holte sie und die kleine Schwester von der Straße und brachte sie in den eigenen Keller. Als das erste Bataillon abgezogen war, liefen sie schnell zum Schutzraum, den auch ihre Mutter noch rechtzeitig erreichte. „Im Süden hatten wir Glück, es ist kaum etwas zerstört worden, weil die Alliierten Mannesmann demontieren wollten. Jeder von meiner Familie hat den Krieg überlebt.“

Wie sie nach den 18 Stunden aus dem Bunker nach Hause gekommen ist, daran erinnert sie sich kaum. „Wir sind dann nach Österreich evakuiert worden.“ Immer, wenn ein Flugzeug kam, verkroch sie sich im Heuschober. „Die anderen Kinder konnten das gar nicht verstehen. Die hatten so etwas ja nicht erlebt.“ Später engagierte sich Ingrid Menk in der Friedensbewegung und erzählte ihren Söhnen und Enkeln von den Erlebnissen. Mit ihrer Enkelin ist sie sogar den Weg abgeschritten, den sie als Mädchen zum Bunker gelaufen war. Die aktuelle politische Lage macht sie „wütend“: „Wir sind mit unseren deutschen Waffen an den Kriegsgeschehnissen in der Welt beteiligt.“ Sie möchte ihre Geschichte erzählen, damit die junge Generation davon erfährt. „Meine Söhne haben glücklicherweise Ersatzdienst geleistet.“


Info: Begleitprogramm

Zur Ausstellung, die von Montag bis Freitag von 15 Uhr bis 18 Uhr besucht werden kann, gibt es ein Begleitprogramm. Am heutigen Mittwoch hält Harald Molder einen Vortrag mit dem Titel „Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten.“ Los geht’s um 18 Uhr.

Am Freitag, 18. Oktober, 19.30 Uhr findet ein Konzert mit Ludger Schmidt statt. Der Musiker wird sich mit dem Psychogramm des Krieges auseinandersetzen.

Interessen­ten für eine Führung melden sich unter 0203 28104-30 an.

(aus: waz.de, 15.10.19)